Weltklasse aus Oftersheim

Der TSV ist dank einer generationenübergreifenden Leidenschaft, ehrenamtlichem Einsatz und einem nachhaltigen Vereinskonzept zu einer der Leichtathletik-Hochburgen der Region geworden.

Momente, die die Geschichte eines Sportvereins prägen, können oft weit über die Grenzen eines Vereins hinausstrahlen. Ein denkwürdiger Moment für die Leichtathletik-Abteilung des TSV Oftersheim war der 4. August 2021: Malaika Mihambo sprang bei den Olympischen Spielen in Tokio im letzten Versuch 7,00 Meter und sicherte sich damit die Gold-Medaille. „Auch wenn sie da bereits einen Weltmeister-Titel hatte, der Olympiasieg war auch für uns etwas ganz Besonderes“, sagt Werner Heger, der seit Jahrzehnten als ehrenamtlicher Trainer für den TSV arbeitet und bis vor kurzem Mihambos Krafttraining koordinierte. „Da haben wir alle extrem mitgefiebert und uns gefreut. Einige aus dem Verein waren sogar vor Ort.“

Dass Mihambos Talent einzigartig ist, habe man früh erkennen können, sagt Heger: Und dass ihr Weg zur Weltspitze zwischen den Kiefern am Rand des Hardtwaldes auf dem Trainingsgelände des TSV Oftersheim startete, macht Heger heute noch stolz. Hinter Mihambos atemberaubender Karriere steckt ein durchdachter Aufbau. In Oftersheim erhielt die heute 31-Jährige von Kindesbeinen an Förderung, und ihr Training wurde altersgerecht und gezielt gesteuert. Die Grundlagen, auf denen sie heute bei der Arbeit mit Bundestrainer Uli Knapp aufbauen kann, wurden von ihrem langjährigen Heimtrainer Ralf Weber, der sie bis zur WM 2019 umfänglich trainiert hat, und Werner Heger gemeinsam gelegt. Ihr WM-Titelsprung von 7,30 Meter ist die bisherige Bestweite ihrer Karriere.

Malaika Mihambo mit ihrem Trainer Ralf Weber 2011.

Heger betont: „Niemand erreicht die Weltspitze ohne systematischen Aufbau. Talent allein ist nicht genug“, sagt der 83-Jährige und ergänzt: „Es ist wichtig, das Potenzial zu erkennen und es dann altersgerecht und gezielt zu fördern.“ Das Kraft- und Techniktraining wurde auf Mihambos Bedürfnisse maßgeschneidert. Ihr beeindruckendes Sprungvermögen ist auch das Ergebnis von gezieltem Krafttraining in der Kurpfalzhalle, wo Oftersheim einen eigenen Kraftraum besitzt – ausgestattet mit Geräten aus einem aufgelösten Bodybuilding-Studio, organisiert durch den Förderverein.

Mihambo trainierte bis zu den Olympischen Spielen in Paris regelmäßig drei- bis viermal pro Woche in Oftersheim. Aber auch nach ihrem Umzug nach Birkenau im vergangenen Jahr hielten sie und Heger den Kontakt eng. „Das zeigt perfekt das seit Jahrzehnten gepflegte partnerschaftliche und unterstützende Klima im Verein“, sagt Heger.

Der Verein als Lebensschule

Seit 1936, als die Turngesellschaft 1895 und die Turn- und Sportgemeinde 1903 zum TSV 1895 Oftersheim fusionierten, steht der Verein mit der zum gleichen Zeitpunkt gegründeten Leichtathletikabteilung für Gemeinsamkeit und Zusammenhalt. In der damaligen Zeit war der Sportplatz kaum mehr als eine Sandwüste; die Laufstrecke verlief entlang des Bernhardspfads am Rand des Waldes.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Abteilung 1952 wiederbelebt, und mithilfe amerikanischer Pioniere entstand der heutige Sportplatz. Im Jahr 1988 wurde die Kunststoffanlage fertiggestellt. Siegwald Kehder, Günter Kneifel und Herbert Seiter haben als Abteilungsleiter maßgebend die Abteilung aufgebaut und die Grundlagen für das langanhaltende Leistungsniveau geschaffen. 1970 wurde die LG Kurpfalz mit acht Leichtathletiknachbarvereinen als Antwort auf die Konzentration der Großvereine gegründet.

Siegfried Waibel 1995 beim Stabhochsprungtraining in Mannheim

Oftersheim hat sich stets als der Ort gesehen, wo Spitzen- und Breitensport gemeinsam existieren. Die Leichtathletik-Abteilung ist bis heute mit etwa 250 Aktiven und 20 Trainerinnen und Trainern ein wichtiger Bestandteil im Gemeindeleben. Die meisten Trainer sind ehemalige Athleten aus der eigenen Jugend und engagieren sich ehrenamtlich. Das ehrenamtliche Engagement ist ein Teil der Vereinskultur und ein Grundpfeiler für die nachhaltige Entwicklung des Vereins. „Ich bin seit 1970 im TSV und seit 1974 ehrenamtlich als Trainer dabei“, betont Heger. „Die Leidenschaft und Loyalität werden weitergegeben. Das ist der Grund für den langfristigen Erfolg des Vereins.“

Kollektive Erfolgsgeschichten

Anne Braun beim Hürdensprint 2019.

Oftersheim war schon in frühen Zeiten über die Region hinaus bekannt. Im Jahr 1937 errang Siegfried Waibel den Titel des deutschen Juniorenmeisters im Stabhochsprung. Die Blütezeit ab 1959 war ein echter Leistungsschub: Seitdem sammelte der TSV Titel und Bestleistungen in allen Altersklassen. In der Bilanz finden sich über 100 badische Meistertitel, mehrere süddeutsche und deutsche Titel sowie Weltmeistertitel und ein Olympiasieg.

Die Namen der Erfolgreichen sind ein echtes „Who’s who“ der regionalen Leichtathletik: Dietmar Kokott, 13-facher badischer Meister in den Mittelstrecken, Langstreckenläuferinnen Melanie Weber und Doris Schlosser, die bei den deutschen Meisterschaften erfolgreich waren, die Sprinterinnen Silke Grode und Birgit Kokott, die 1985 auf Platz eins der deutschen Bestenliste über 4×100 Meter standen; Jürgen Kempf, zehnfacher badischer Meister im Hammerwurf; Silvia Höger, Süddeutsche Meisterin im Diskuswerfen; sowie Heike Schwarz und Kristina Schmider, Deutsche Meister im B-Jugend-Siebenkampf.

Auch im neuen Jahrtausend ist die Erfolgsgeschichte ungebrochen: Jonas und Yannik Dudda holen badische und süddeutsche Meistertitel, Yannik ist sogar Deutscher Jugendvizemeister über 2.000 Meter Hindernis; Carina Frey und Marie Kias sind als deutsche Schülermeisterinnen im Siebenkampf mit der Mannschaft; Lea Wissing, badische Meisterin im Sprint und Weitsprung; Maike Braun, Süddeutsche Meisterin über 400 Meter sowie Anne Braun, die kürzlich bei den Frauen über 400 Meter Hürden auf den deutschen Meisterschaften am Start war und darüber hinaus deutsche Hochschulmeisterin über die gleiche Strecke wurde.

Jonas und Yannik Dudda im erfolgreichen Gleichschritt.

Auch Hannah Mergenthaler, die schon 2011 als Vierzehnjährige Vierte bei den Deutschen Mehrkampfmeisterschaften wurde, ist weiterhin TSV-Mitglied und erfolgreich aktiv – wenn auch inzwischen für die MTG Mannheim am Start. Nach drei deutschen Meistertiteln über 400 Meter bei der U20 (2015 und 2016) und U21 (2017) holtes sie bei der Team-EM 2017 in Lille beispielsweise mit der 4×400 Meter-Staffel den 3. Platz, bei der WM in London wurde sie mit der Staffel sechste. Im Jahr 2018 war sie deutsche Vizemeisterin über 400 Meter bei den Frauen. Anfang der 2020er-Jahre hatte sie mit langwierigen Verletzungen zu kämpfen, konnte sich aber dennoch im Jahr 2021 für die Teilnahme an den Olympischen Spielen für die 4x400m in Tokio qualifizieren und nahm in den darauffolgenden Jahren auch an diversen Staffelweltmeisterschaften teil.

Hannah Mergenthaler wird 2018 deutsche Vizemeisterin über 400 Meter.

In Oftersheim ist man aber besonders stolz darauf, dass Talente bis ins Erwachsenenalter leistungsbezogen trainieren und nicht schon mit zwölf oder 13 Jahren verloren gehen – ein einzigartiges Merkmal, das durch die enge Bindung an den Verein, die vielfältigen Angebote und die starke Gemeinschaft ermöglicht wird. „Unsere Aufgabe sehen wir darin, Kinder und Jugendliche zum Sport zu bringen, zur Bewegung zu motivieren und ein sportliches Leben zu fördern“, sagt Jakob Gieser, der heute Abteilungsleiter ist.

Der Verein arbeitete schon immer eng mit den lokalen Schulen zusammen. Die bis heute bestehende Zusammenarbeit dem Schwetzinger Hebel-Gymnasium hat viele Erfolge beim Bundesfinale „Jugend trainiert für Olympia“ in Berlin hervorgebracht. Veranstaltungen wie der „HardtRun“ beweisen ebenfalls, dass Breitensport und Gemeinschaftsaktivitäten sehr wichtig sind.

Elke Herzig bei den deutschen Meisterschaften 2025.

Aktivität und Lebensfreude – auch im Alter noch

In Oftersheim ist Leichtathletik ein Angebot für Jung und Alt. Im Kinder- und Jugendalter ist sie die Grundlage für Bewegungserfahrung und Koordination, im Erwachsenenalter ermöglicht sie leistungsorientierten Sport und im Seniorenalter steht sie für Gesundheit und Geselligkeit. „Leichtathletik kann man bis ins hohe Alter betreiben und sie ist in hohem Maße gesundheitsfördernd“, sagt Gieser. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die mehrfache Europa-, Welt- und Deutsche Meisterin in den Wurfdisziplinen der Seniorinnen, Elke Herzig.

Im Laufe der Zeit haben sich Menschen unterschiedlichen Alters zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Trainingslager, Ausflüge und Veranstaltungen finden regelmäßig statt und fördern den Zusammenhalt. „Einmal TSV, immer TSV“, erklärt Dietmar Kokott, der selbst als Athlet aktiv und viele Jahre TSV-Vorsitzender war. „Das Fundament für einen nachhaltigen Erfolg ist die Loyalität der Mitglieder.“

Aber es sei auch immer ein Kampf, genügend Freiwillige für Aktionen zu gewinnen, sagt Gieser. Und auch die Sponsorensuche ist angesichts der Konkurrenz von mehreren Top-Sportvereinen in der Region nicht leicht. Diesbezüglich hat Gieser sogar einen präzisen Wunsch: „Ein Vereinsbus für Wettkampffahrten wäre zum Beispiel ein Traum, der unsere Arbeit enorm erleichtern würde.“

Jörg Runde, Schwetzinger Zeitung

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